Mein Volk ist tot! Was habe ich falsch gemacht?

Unter dieser Überschrift hatte der KIV Steinfurt und die IV Emsdetten und Greven die Imkerinnen und Imker am 24. März 2012 nach Greven-Reckenfeld eingeladen: Der bekannte Bienenzuchtberater des Bieneninstitut Celle, Guido Eich, von Beruf Diplombiologe und Imkermeister, wollte die Teilnehmern in die Grundlagen der Todesermittlung bei Bienenvölkern einführen.
Zu Beginn wies Guido Eich in deutlichen Worten auf einige grundlegende Fehler hin, die immer wieder Ursache von Völkerverlusten sind. Oft sei es falsches Wissen, das von Imkergeneration zu Imkergeneration immer wieder neu verpackt weitergegeben werde. Als Beispiel nannte er die Regel: „Öffne nie ein Volk vor der Stachelbeerblüte." Dies führe dazu, dass immer wieder Völker - in der Regel die stärksten - im Frühjahr verhungern, weil der Imker die rechtzeitige Kontrolle des Futtervorrats unterlasse. „Es sind schon viele Völker verhungert, aber noch nie eines erfroren", ermunterte er die Imker dazu, im zeitigen Frühjahr die Völker zu öffnen. Das diese alten „Weisheiten" so langlebig sind, führte Guido Eich auf die häufig noch übliche Wissensvermittlung an die Neuimker durch alte Imker zurück, die sich oft seit ihrer eigenen Lehrzeit kaum weitergebildet haben. Dabei gibt es heute umfangreiche, durch Landes- und EU-Mittel geförderte Aus- und Weiterbildungsangebote durch Bieneninstitute und Imkerschulen. „Die Absolventen dieser Kurse sind gut ausgebildet und motiviert, bei Völkerverlusten den Ursachen auf den Grund zu gehen - insbesondere die Imkerinnen sind da vorbildlich" brach er eine Lanze für den Nachwuchs. „Während der traditionelle Imker Völkerverlusten peinlich berührt gegenüber steht, sie lieber verschweigt oder die Ursache bei anderen su
cht, sind sie bereit, ihr Handeln selbstkritisch zu hinterfragen." Imkerei könne nur erfolgreich sein, wenn immer die Frage gestellt werde: Wo verlieren wir Völker und woran liegt es? Zehnprozentige oder höhere Völkerverluste seien nicht naturgegeben, sondern Resultat einer konzeptlosen Imkerei. Der erste Fehler werde oft schon bei der Einwinterung zu kleiner Völker gemacht. 5000 Bienen seien das Minimum, das ein Volk benötige, um den Winter zu überstehen. Dazu kämen ausreichende Futtervorräte, eine vollständiges Varroa-Behandlungskonzept mit hoher Kontrolldichte, junge, leistungsfähige Königinnen auf jungen Wabenbau und ein durchgängiges Nahrungsangebot. Bienenvölker benötigen im Jahr 30 bis 50 kg Pollen. Sei dieser am Standort nicht ganzjährig vorhanden, müssten die Völker entsprechend gewandert werden. Die meisten Völkerverluste hätten schlecht ausgebildete Imker mit fehlender Praxis und oft auch Zeitmangel, die mit alten Völker mit hoher Virenbelastung und ungeeigneter Varroa Behandlung an schlechten Standorten imkern. Alleine die falsche Standortwahl könne die Startbelastung mit Varroamilben im Frühjahr vervierfachen und den frühen Tod zur Folge haben.
 
In eindrucksvollen Bildern wurden die verschiedenen Krankheiten und die entsprechenden Schadbilder gezeigt, die in verstorbenen Völkern zu finden sind. Je nach Zustand der „Leiche" (Bienen mit Wabenwerk oder nur noch leere Waben) variieren die einzelnen Schritte, die zur Entdeckung der Ursache gemacht werden müssen. Oft ist nicht nur eine Erkrankung für den Tod verantwortlich. Aus den Überresten lässt sich vielfach eine ganze Krankengeschichte rekonstruieren. Wichtig ist oft schon die Frage, wann ein Volk verstorben ist, wenn der Imker im Frühjahr die Beute öffnet und den Tod feststellt. Im Winter verstorbene Bienen sind schimmelig; im Herbst verstorbene vertrocknet und durch Ameisenfraß gezeichnet. Ist das Volk im Herbst verstorben, iszt die ganze Wabe mit einem Grauschimmer überzogen, ist das Volk erst im Frühjahr verstorben, ist der freie Bereich erkennbar, wo die Wintertraube gesessen hat. Sitzen noch tote Bienen auf den Waben, zeigen markante Spuren dem Fachmann, ob eine Winterbehandlung mit Oxalsäure oder Perizin erfolgt ist. Das Aussehen der toten Bienen und der Inhalt der Brutzellen gibt Aufschluss über diverse Brutkrankheiten und Virenbelastungen wie APV, CPV, DWV und den Varroa-Befall. Spreitzen die toten Bienen z.B. alle Flügel einzeln ab, das sogenannte K-Wing, sind sie durch einen Virus geschädigt. Der Zustand der Waben gibt Hinweise auf ungeeignetes oder gar fehlendes Winterfutter. Noch im Frühjahr kann am eingegangenen Volk festgestellt werden, ob das fehlende Futter vom Volk selber verbraucht oder von anderen Bienen geräubert wurde.
 
Auch der Aufbau des Brutnestes kann entscheidend sein. Manche Imker verändern, gut gemeint - aber aus Unkenntnis falsch - die Anordnung der Waben so, dass die Bienen im Winter dem Futter nicht mehr folgen. Ursache sei die alte Lehre, dass "der Imker im Herbst den Bienensitz richten müsse". „ Lassen
Sie das!" appellierte Eich an die Anwesenden „ Die Bienen wissen am besten wie ihr Bau auszusehen hat." Leider sind viele Ursachen für Völkerverluste in Fehlern und Unkenntnis der Imker begründet.  Erst wenn der Imker bei der Suche nach Anzeichen der Todesursache keinerlei Hinweise für eigenes Verschulden und Bienenkrankheiten findet, muss nach Pflanzenschutzmitteln als Ursache gesucht werden. Auch dabei gibt es markante Anzeichen, die Hinweise auf bestimmte Wirkstoffe geben. Nach dem umfassenden theoretischen Teil wurde das frisch erworbene Wissen an mehreren toten Bienenvölkern bzw. Teilen davon erprobt. Je nach Zustand der „Leiche" werden dabei verschiedene Methoden für den Erkenntnis Gewinn angewendet. Wichtigstes Werkzeug für „Bienen-Detektive" sind Lupe und Pinzette. Bienen und Zellen werden mit der Lupe auf Veränderungen und Auffälligkeiten untersucht. Bei dem „Pinzetten Test“ werden die verdeckelten Zellen auf den Inhalt untersucht, beim „Ausschlagtest“ werden die leeren Waben ausgeschlagen und z.B. Hinweise auf Varroa oder Faulbrut sichtbar. Mittels des „Bond Test“ werden tote Bienen ausgewaschen und die prozentuale Belastung mit Milben ermittelt. Das Sortieren der Bienen nach Größe ermöglicht die Ermittlung der Virenbelastung. Alle Teilnehmer lernten so, z.B. Varroa Kot in den Zellen als Hinweis auf erhöhte Belastung zu erkennen oder auffällige Veränderungen an Puppen und Bienen einzelnen Erkrankungen zuzuordnen. Guido Eich erläuterte, wie z.B. mit einem Blick auf die Waben nach Öffnen der Beute das Alter der Königin bestimmt werden kann oder der Zustand des Futter Hinweis auf ungeeignetes Winterfutter gibt. Als er jedoch nach Inspektion einer Wabe eines Volkes mit Bestimmtheit erklärte, der Eigentümer sei Linkshänder erntete er viele ungläubige Blicke von den Imkerinnen und Imkern, um so mehr, als der Eigentümer selber nicht an der Veranstaltung teilnehmen und Aufklärung geben konnte. So blieb die Erklärung zunächst ungeprüft. Spätere Nachforschungen ergaben aber, dass er auch mit dieser Erkenntnis richtig lag.
Angespornt durch dieses Vorbild machten sich die Teilnehmer auf der Suche nach den „Spuren des Todes" in den Völkern und lernten, welche kleinen Indizien für die richtige Schlussfolgerung ausschlaggebend sein können.  Bei der Schlussbesprechung appellierte Guido Eich noch einmal an die Teilnehmer: „Zu Beginn der Veranstaltung habe ich vorausgesagt, dass Sie in Zukunft die toten Völker mit ganz anderen Augen betrachten werden. Ich wünsche mir, dass es für Sie in Zukunft selbstverständlich ist, tote Völker nicht einfach zu beerdigen, sondern sich auf die Suche nach den Ursachen zu machen und daraus zu lernen."
Die Veranstalter verpflichteten Guido Eich umgehend für das Frühjahr 2013 zu einem Vortrag über Völkerführung. Im Anschluss daran wird - auf einhelligen Wunsch der Teilnehmer - auch im nächsten Jahr dann wieder eine praktische Untersuchung an Völkern zur Klärung der Todesursache stattfinden.

Hier einige Bilder von Jörg Gemmer und Angelika Lang von der Veranstaltung:

 

Unentbehrliches  Handwerkzeug bei der Todes Ermittlung: Lupe und Pinzette.

Eine einheitliche Masse toter Bienen? Nicht, wenn man/frau genau hinschaut:

 

Guido Eich erläutert am Objekt, worauf es ankommt

 

 

Und dann einen "Soldatenfriedhof" legen: Die Bienen werden nach Größe sortiert. In der oberen Reihe kommen die großen,normalen, in der Mitte die kleineren, unten die verkümmerten ( Hinterleib kürzer als der Flügel).

 

Eindrucksvoll demonstriert: Bei diesem Volk überwiegen die geschädigten Bienen.

 

Es ergab sich hierbei das für einen Varroa-Schaden charakteristische Bild einer Pyramide.

 

Viele geschädigte Bienen in der untersten Ebene, nur wenige gesunde in der Spitze.

 

Bei einem Schaden durch die zur Zeit viel diskutierten Neonikotinoide wäre der Aufbau der Pyramide z.B. genau anders herum, erläuterte Guido Eich.

 

Ferner sei ein Schaden durch Vergiftung bei im Herbst/Spätsommer verstorbenen Völkern im Bereich des möglichen, jedoch nicht bei den im Winter/Frühjahr verstorbenen.

 

Bei an einer Vergiftung verstorbenen Völkern seien meistens auch die Leichen von Aasfressern (Ameisen, Laufkäfer, Wespen) zu finden, die sich an den toten Bienen ebenfalls vergiftet haben.

 

Für den Imker sei es bei der Diagnose am einfachsten, erst nach Hinweisen auf bekannten Krankheiten und Symtome zu suchen,  sollte diese Untersuchung negativ sein, käme Vergiftung als Ursache in Betracht.

Hinweise auf Gift an der Brut können von den Bienen geöffnete Brutzellen mit Puppen geben.

Bei einer Vergiftung durch Häutungshemmer finden sich Schlitzaugen.

 

 

 

 

 

Ausschlagtest: Eine Brutwabe wird kräftig auf weißem Papier aufgeschlagen. Das herausgefallene wird analysiert.Wieviel Varroa werden gefunden? Hinweis auf andere Brutkrankheiten?

Auf dem Papier könnten sich z.B. auch Hinweise auf die Amerikanische Faulbrut ( fadenziehende Masse) oder Kalkbrut Mumien finden.

 

Der Rest eines Volkes sitzt tot auf der Wabe. Die Brutzellen sind löchrig, ein erster Hinweis auf geschädigte Brut. Nach Öffnung mit der Pinzette wurden Symtome für verschiedene Erkrankungen der Brut gefunden.

 

Die weißen Krümmel in den Zellen ist Varroa Kot, den das Volk zum Schluß des Sterbeprozeß nicht mehr entfernt hat.

Die verdeckelten Brutzellen sind teilweise zum Ausräumen durch Such Bienen geöffnet.

Alle verdeckelten Zellen enthalten kranke Brut: Das erkennt der Imker an den weiß/gelben Flickstellen der Zelldeckel. (Die Zellen werden von Putzbienen geöffnet wenn ihnen etwas verdächtig erscheint. Anstatt die von Varroa befallenen Puppen zu entfernen werden die "Inspektionslöcher" von anderen Bienen wieder mit Wachs verschlossen, erkennbar an der hellen/gelben Färbung.) Als die Zellen geöffnet wurden, fand sich ein hoher Varroabefall.

!!!!!Auf dem Bild ist keine einzige gesunde Brutzelle zu sehen!!!!

Auch die leeren Zellen enthielten in vielen Fällen kranke Brut und wurden ausgeräumt, erkennbar an den dünnen Verbindungsstegen zwischen den Zellen.

 

Text: Hubert Reppenhorst - Fotos: Angelika Lang

 

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